Aufgewachsen mit dem Rock'n'Roll
In den früheren Okemah Jahren wurden ich immer wieder gefragt, warum ich nicht „unsere“ (österreichische) Musik spiele, sondern Country, Folk & Rock’n’Roll. Ich versuche nun im weitern diese Frage zu beantworten und dazu muss ich weit ausholen, zurück gehen bis in die Nachkriegszeit in Österreich.
1945 wurde Österreich in vier Zonen aufgeteilt. Salzburg und Oberösterreich wurde von den Amerikanern verwaltet, die Steiermark und Kärnten von den Engländern. Und eben im englisch kontrollierten Sektor, der Steiermark, bin ich 1953, also noch vor Abzug der Truppen, geboren.
Aus einem offiziellen Bericht über Radio in der Nachkriegszeit: „Die britisch kontrollierte Sendergruppe Alpenland sendete ab Juli 1945 aus Graz, Klagenfurt und Wien. Die Sendestationen wurden 1954 wieder an Österreich übergeben, wobei vom Sender in Wien noch bis zum Juli 1955 einzelne britisch kontrollierte Sendungen ausgestrahlt wurden.
Für ihre stationierten Truppen installierten die Briten in Klagenfurt, Graz und Wien ihren eigenen Sender British Forces Network (BFN), der bis 1955 sendete. Die Soldaten der U.S. Army waren als Besatzungssoldaten zumeist beliebt, weil sie, aus reichhaltigen Ressourcen schöpfend, der Bevölkerung Hilfe leisteten und mit dem Marshallplan viel Geld zum Wiederaufbau ins Land pumpten. Die Briten und die Franzosen konnten als Besatzungsmächte materiell mit den USA in keiner Weise konkurrieren, waren aber sehr bestrebt, den Österreichern ihre Kultur zu präsentieren. Die von ihnen in Wien eingerichteten Kulturinstitute bestehen bis heute. In den damaligen Massenmedien und in den Kinos wurde versucht, für die Menschen des neuen Österreich eine neue Identitätsstruktur aufzubauen ...
... Besonders der amerikanische Sender Blue Danube Network und der Sender Rot-Weiss-Rot der amerikanischen Militärbasis war bei den österreichischen Jugendlichen beliebt, ebenso der englische ... Vor allem Jazzclubs profitierten von den Amerikanern und Engländern, da diese Musik nunmehr wieder öffentlich aufgeführt werden durfte und extrem populär war ... Zudem kam noch die Auflehnung gegen das konservative Gesellschaftsbild durch die Jugendlichen, die auch hier ab Mitte der 50er Jahre den Rock’n’Roll populär werden ließen ...
... Schlagermusik erreichte in den Nachkriegsjahren eine noch nie gekannte Breitenwirkung, ausgelöst durch Radiosendungen, Musikboxen in den Lokalen, Kinofilme und auch die neu aufkommenden tragbaren Radios und Plattenspieler. Schlager waren auch Spiegel ihrer Zeit, sprachen die Stimmung der entwurzelten Nachkriegsgeneration an, die damit ihrer Sehnsucht nach der fernen Welt nachgeben konnte. Urlaubsreisen wurden bald wieder möglich ...
In Wien wurden dadurch die Wienerlieder verdrängt, in den Bundesländern die bäuerlich geprägte Volksmusik. Man muss sich das praktisch so vorstellen. Eine größere Familie hatte damals nicht die Mittel für jeden ein voll eingerichtetes Zimmer zu haben, vielleicht auch noch ausgestattet mit Audiogeräten. Nein, man saß gemeinsam bei Oma und Opa in der Küche und der Radio war aufgeschaltet, einer für alle und natürlich noch kein TV. Oma hielt natürlich zu den etwas älteren Kusinen, die bereits die ersten Tanzveranstaltungen besuchten, wo diese neue Musik aus den USA gespielt wurde und ebenso meine Mutter, die ohnehin ein totaler USA Fan war. Und so wurde in der Familie auch ein entsprechendes Radioprogramm ausgewählt.
Dazu kommt noch, dass wir uns in der obersteirischen Industriezone befanden, wo ohnehin wenig landwirtschaftliche Betriebe angesiedelt waren. Volksmusik österreichischer Prägung wurde völlig zurück gedrängt auf Bauernfamilien, die in ihrer „Stubn“ mit der Familie diese Musik zelebrierten. Deshalb später auch als „Stubnmusi“ bezeichnet. Gehörte man nicht solchen Kreisen an, war es als Kind überhaupt nicht möglich, dergleichen Musik zu hören. Meine Mutter spielte darüber hinaus auch noch etwas Gitarre und sang immer wieder so vor sich hin, Schlager und Countrysongs, zum Teil amerikanische Originalsongs, denen man in den 50ern einen deutschen Text verpasst hat, wie etwa „Ich zähle täglich meine Sorgen“. Der Song hieß im Original „Heartaches by the numbers“, stammte von Guy Mitchell und erreichte im Dezember 1959 Platz 1 in den Billboard Charts.
Dann waren da noch die US-Sänger, die als Soldaten ins Land gekommen waren und schließlich als Schlagerstars hier blieben, wie etwa Gus Backus. Oder ich denke auch an Freddy Quinn, den ewigen Weltreisenden, einem Wiener, der die ganze Familie mit seinen Liedern zum weinen brachte, dachte man doch dabei sofort an den ausgewanderten Onkel. Onkel Ludwig, der Bruder meiner Mutter war 1956 nach Australien ausgewandert, wo er auch heute noch lebt. Der Tod von James Dean etwa war ein großer Trauertag für die Familie, übertroffen sicher nur mehr 1963 vom Tod des US Präsidenten Kennedy, der schon so etwas wie der „Weltpräsident“ war.
Indianer spielen war der tägliche Zeitvertreib von uns Kindern, ausgelöst sicher durch die ersten Western deutscher Prägung, wie etwa die Verfilmung der Winnetou Romane. Das waren ebenso Zeichen für das Interesse am Land jenseits des Atlantiks, so wie es Jahrzehnte zuvor schon für Karl May gegolten hatte. Comics wurden populärer als Bücher, dies galt auch für die so genannten „Groschenromane“, hier dominierten in den 50er und 60er Jahren sicher die Westernheftchen. Wir bekamen den ersten Plattenspieler und ich kaufte mir die erste Single beim Elektrohändler, so etwas wie Plattenläden gab es bei uns nicht. Aus der Auswahl der etwa 50 Singles nahm ich mir Elvis Presley mit „Love letters / Come what may“. Etwas später dann zwei Langspielplatten mit Country Songs, eigentlich nicht wegen der Musik, sondern wegen der schönen Aufnahmen am Cover. Aber es gab darauf einen Titel, der mich jahrelang nicht mehr los ließ. Eine Instrumentalnummer von Chet Atkins. Welchen Einfluß Atkins auf die Country Musik hatte, begriff ich erst viele Jahre später.
Abgelöst wurde die Rock’n’Roll Ära nicht etwa durch österreichische Musik, nein, durch den Beat, der aus England kommend die ganze Welt überrollte. Lange Haare wurden zu unserem Symbol der Auflehnung gegen unsere Eltern. Ging ich zum Friseur, kam sicher mein Vater hinterher und erklärte dem Friseur, er müsse meine Haare noch kürzer schneiden, viele Streitereien, viele Tränen wurden vergossen. Noch befand ich mich in der Obersteiermark, gründete erste Bands, die im Keller probten und sang „Diana“ von Paul Anka und „Barbara Ann“ von den Beach Boys, zwei Songs, von denen „Bravo“ die Texte veröffentlicht hatte.
Dann verabschiedete ich mich für ein paar Jahre von der Obersteiermark und wohnte in Graz. Protestsongs sollten fortan die Beatmusik ablösen. Es gab hierzulande eine sehr populäre Band, die durchaus internationale Anerkennung fand und mit Peter Paul & Mary oder den australischen Seekers in einem Atemzug genannt wurde, die Jack’s Angels. Bandleader Jack Grunsky, ein Kanadier, lebte damals in Graz. Und ich durfte Backstage etwas mithelfen, als er im Kammersaal auftrat. Den Blues erfuhr ich im Forum Stadtpark, als in einer Session die Gruppe „Travellers“ präsentiert wurde. Jim Cogan, den Sänger und späteren „Turning Point“ Gründer traf ich danach persönlich und er empfahl mir einige Blues Platten (Jimmy sollte ich danach noch oft treffen und mit ihm auch ein Duett aufnehmen). Mit Chris Scheuer ging ich daran, eine Bluesband zu gründen, wobei unser Augenmerk ganz auf die alten Mississippi Bluesgrößen gerichtet war, wie etwa Elmore James, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, John Lee Hooker oder Son House. Das Umfeld in Graz, auch die Klasse im MuPäd Hasnerplatz war ideal für Sessions, ob am alten Klassenpiano oder im Freien. Mit uns in der Klasse war der damalige „Mephisto“ Sänger und spätere STS Mitbegründer Gerd Steinbäcker, die Neffen des ORF Pianisten Erik Werba oder eine Klasse über uns Alex Rehak, der ab 1971 Leadsänger bei Cogan’s „Turning Point“ werden sollte.
Ende des Jahres 1971 beschlossen Chris und ich Schule und Elternhaus zu verlassen, um im Ausland Musiker zu werden. Und das taten wir auch, allerdings begleitet von einigen unvorhergesehenen Schwierigkeiten. Zwar hatten wir Gitarren, Plattenspieler, alle Bluesrecords mit im Gepäck, Chris allerdings keinen Pass. Und damit blieb uns nichts anders übrig, als im benachbarten Kärnten, in einem sehr nebligen Tal, einen Unterschlupf in einem leer stehenden Haus zu finden, das nur im Sommer von Künstlern bewohnt wurde. Der Winter holte uns allerdings nach wenigen Tagen ein, der Kamin funktionierte nicht, das Geld war aus, die Möglichkeiten für damals Minderjährige einen Job als Musiker zu finden aussichtslos und so ging es nach Hause zurück. ORF „Autofahrer unterwegs“ und Tageszeitungen hatten schon Suchmeldungen veröffentlicht und der Traum von einer Musikerkarriere im Ausland war vorerst ausgeträumt (Chris Scheuer wurde später Comic Zeichner in Frankreich, von ihm stammt die Comic Figur „Marie Jade“).
Aber nach Amerika zu kommen hatte sich offensichtlich so stark in mir festgesetzt, dass ich dies, wenn auch Jahre später unbedingt nachholen musste. Was zuerst einmalig gedacht war, führte mich schließlich viele weitere male in die Staaten, um all jene Plätze aufzusuchen, über die ich zuvor schon in meinen Liedern gesungen hatte. Von Chicago fast die ganze Route 66 bis Santa Monica, an den Strand von Los Angeles, wo nicht nur Schwarzenegger Studio und Lokal hatte, sondern auch der Grazer Charly Temmel einen Diner mit Eisdiele nahe dem Santa Monica Pier und wo ich auch Bo Diddley sehen konnte.
Mehr als 25.000 Kilometer durch über 20 Bundesstaaten sollten folgen. Ob vom New Yorker Village nach New Orleans, durch die Bayous nach Texas und New Mexico, von Utah ins Cowboyland nach Wyoming und Montana, von Georgia nach Tennessee oder von Kalifornien ins benachbarte Mexiko. Ein Traum erfüllte sich mit dem Auftritt beim Woody Guthrie Festival in Oklahoma, als ich neben Folklegende Tom Paxton auf der Bühne Platz nehmen und mitmusizieren durfte oder Arlo Guthrie bei meinem „Woody Guthrie Medley“ die Gitarre spielte.
Der Countrymusik, dem Blues, der amerikanischen Folkmusik stand ich demnach immer näher als der Volksmusik dieses Landes. Es sollte bis etwa zu meinem 30. Geburtstag dauern, bis ich durch eine Bekannte, die Standbass und Hackbrett bei einer „Stubnmusi“ spielte, mit eben dieser Musik konfrontiert wurde und erstmals in meinem Leben die übliche Besetzung dieser „Altsteirer“ sah, zwei Geigen, Standbass, Harmonika und Hackbrett. Und da fielen mir sofort die vielen Ähnlichkeiten zur amerikanischen Musik auf. Nicht zuletzt war sie von Einwanderern aus Europa ins Land gelangt, war dort allerdings auf Musikrichtungen anderer Einwanderer getroffen, etwa dem Blues, Cajun und TexMex und gebar Mischformen.
Die Ziehharmonika, die bei den TexMex Festen in San Antonio gespielt wird und auch die „Knopferlharmonika“ der Cajuns in Louisiana kam aus Mitteleuropa. In Texas gibt es zu den Bierfesten noch immer Polkabands, bestehend aus den Nachkommen der böhmischen Einwanderer im 19. Jahrhundert. Trompeten und andere Blasinstrumente, die den unverwechselbaren Klang einer Mariachiband und den Tijuana-Sound eines Herb Alpert ausmachen, kommen von den spanischen und französischen Besatzern, und auch ein Kleinwenig von dem aus Österreich stammenden Kaiser Maximilian (geboren 1932 im Schloss Schönbrunn und 1867 in Mexiko erschossen).
Und so bin ich schließlich den weiten Weg über Amerika und Irland auf die Musik der alpenländischen Eingeborenen aufmerksam geworden (die "echte"), die mittlerweile glücklicherweise durch viele junge Musiker von ihrem nationalen (auch „nationalsozialistischem“) Erbe befreit wurde und sich hoffentlich in den nächsten Jahrzehnten ähnlich der irischen Musik weiterentwickeln kann und füge eine Brise davon unseren Liedern hinzu.
Vielleicht ist nach diesen Zeilen klar, dass jemand in Österreich durchaus mit Country und Rock’n’Roll aufgewachsen sein kann und die österreichische Volksmusik für ihn eine zeitlang so fremd war, wie etwa Tanzweisen aus Usbekistan.
Derry Grey
